Michel R. Lang: Die Treppen zur Hölle, Piper 1991

 

Der Kampf der jüdischen Armee in Frankreich, die Barbarei und der Widerstand im KZ Drancy bei Paris sind das Thema des Romans. Er entstand nach den Aufzeichnungen des Vaters von Lang, des Berliner Journalisten Alfred Lang. Der Ullstein-Redakteur emigrierte 1933 nach Frankreich, arbeitete mit seiner Frau in der Résistance und war von 1944 -45 im KZ Drancy interniert. Von dort gingen die Transporte nach Auschwitz ab.

 

 

 

 

 


Leseprobe

 

   Ein Soldat kam und führte die beiden in den zweiten Stock. Fred hatte gehört, dass die Gefangenen neuerdings immer zu zweit vernommen wurden. Es war ein neues System der Gestapo: Während der erste Gefangene vernommen wurde, das heißt gefoltert, musste der zweite zusehen. Auf diese Weise wollte man den zweiten mürbe machen. Fred hatte den Wunsch, zuerst vernommen zu werden, Er gestand sich ein, dass er feige war. Er biss die Zähne aufeinander.

    Auf den Tischen und Stühlen lagen Gummiknüppel, Peitschen und Pistolen herum. Am Fenstergriff hing eine MP. Es lag ein Geruch über diesem Raum, der an die Kehle griff. Vielleicht war es gar kein wahrnehmbarer Geruch, sondern ein Fluidum, ein Dunst von Grausamkeit und Leiden, ein Rest der Schreie, die Menschen hier getan hatten. Ein Rückstand von Schmerz und Bestialität. Es war wie in einem Raubtierzwinger. Die Luft wurde Fred knapp, seine Beine zitterten, der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er hielt sich mit Mühe aufrecht.

   Von den vier SD-Beamten waren drei in Zivilkleidung. Es waren die gewöhnlichen Rabauken, die sich in den viel zu engen, eleganten Anzügen gezwungen bewegten und denen Metzgerschürzen besser gestanden hätten. Der vierte war ein SS-Obersturmführer. Er saß im Schatten in einem tiefen Ledersessel, mit übergeschlagenen Beinen, und hatte das Gesicht abgewendet.

   Paul wurde vor den großen Schreibtisch gestoßen. Fred stellte man an die Wand. Gleich nach den ersten Fragen begannen sie Paul zu schlagen. Fred schloss krampfhaft die Augen, aber der Posten hinter ihm stieß ihn in die Rippen.

   „Augen auf, Kopf umdrehen!“

   Paul fiel zu Boden und wurde mit Fußtritten wieder hoch gejagt. Die Gummiknüppel klatschten mit einem furchtbaren, matten, gedämpften Geräusch auf seinen Kopf. Sein Gesicht war voll Blut. Sein Kragen war aufgerissen. Einer der Folterer biss sich die Lippen blutig. Ein anderer begann mit den Kinn zu zittern. Alle drei keuchten laut. Nicht die Anstrengung ließ sie keuchen, das sah man, sondern die Lust. Eine Art Blutrausch. Sie hatten irre Augen.

   Fred sah auf den Offizier. Der beobachtete Paul. Sein Gesicht war steinern, ausdruckslos, ohne jede Bewegung. Auf seinen Knien lag eine Katze. Eine sehr kleine, schneeweiße Katze. Die rechte Hand des Mannes strich über das weiße Fell. Gut geformte manikürte Finger. Sie strichen die Stelle hinter den Ohren, die bei Katzen so empfindlich für Liebkosungen ist. Das kleine Tier drehte sich auf die Seite und streckte die Pfoten von sich, in tiefem Wohlbehagen. Paul schrie auf. Die Katze richtete sich mit einer behänden Bewegung auf. Die Hand des Offiziers hob die Katze bis zu seinem Mund. Er küsste das Tier auf die Nase. Paul fiel mit dumpfem Krach zu Boden, die Polizisten rissen ihn wieder hoch.

   Die Katze nahm spielerisch mit beiden Vorderpfoten einen Finger des Offiziers und biss daran herum. Paul bekam einen Schlag mit dem Pistolengriff auf den Kopf und sackte wieder zusammen. Der Offizier nahm die Katze in beide Hände und sprach leise in ihr Ohr. Die Polizisten rissen Paul hoch, aber er fiel von Neuem. Er sah aus wie eine zerbrochene Puppe. Einer der SD-Männer bückte sich und fühlte unter dem Hemd des Mannes nach dem Herzen. Er zog die Hand zurück, sie war blutig. Er wischte sie am Teppich ab und blickte mürrisch fragend auf den Offizier. Der strich der Katze über die Ohren.

   „Der nächste!“ sagte er dann schließlich.

   Zwei SS-Männer zerrten Paul an den Beinen aus dem Zimmer auf den Gang. Sein Mund stand weit offen, sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Die SS-Leute kamen zurück, und Fred wurde an den Tisch geführt. Alles war voll Blut. Die Polizisten hielte ihre Knüppel in den Händen. Sie stanken nach Schweiß. Fred stand so, dass er dem SS-Offizier ins Gesicht sehen könnte. Der blickte ihn aus hellgrauen Augen an. Fred senkte den Blick und schaute auf das Kätzchen. Das kleine Tier betrachtete ihn. Der Polizist klopfte mit einem Ochsenziemer auf den Tisch: „Geben Sie zu, dass...“

   Den Rest hörte Fred nicht. Die Katze hatte den Kopf schief gelegt und sah ihn an. Die Hand des Offiziers fuhr ihr über den Rücken. Sie hob eine Pfote hoch und strich mit ihrer rosigen Zunge darüber. Dann sah sie wieder zu Fred hin.

   „Geben Sie alles zu, ja oder nein“, schrie der SS-Mann hinter dem Schreibtisch. Der erste Schlag kam, mit einem unerträglichen Schmerz. Fred schloss die Augen. Beim dritten oder vierten Schlag brach er zusammen.

   Er kam wieder zu sich, als ihn zwei Kameraden in den Lastwagen legten. Sein Gesicht war wie aus Holz, wie nach einer Narkose. Dann wusste er nicht mehr, was mit ihm geschah. Ein Posten stieß ihn in die Zelle, der Klempner spritzte ihm Wasser in den Mund. Sie fragten ihn nach Paul. Er schüttelte den Kopf. Der Klempner fluchte. Der Neue legte ihm ein feuchtes Taschentuch auf den Kopf, dann wurde alles dunkel. Die ganze Nacht hindurch phantasierte er. Die beiden anderen pflegten ihn. Der SS-Posten kam herein und brüllte. Als er Freds Gesicht sah, holte er einen Eimer voll Wasser und ein paar Aspirintabletten. Er sah den Klempner und den Neuen drohend an und legte den Zeigefinger auf den Mund. Sie nickten. Er zeigte mit dem Finger auf seine Brust und sagte: „Isch Slowak, nix Deutsch.“

   Ein paar Zellen weiter schrie jemand wie ein Tobsüchtiger. Der Klempner schüttelte den Kopf. Fred sprach wirres Zeug.

   Die Tage rollten an Fred vorbei. Appell, Essen Hofgang, Essen, Appell. Der Klempner verschwand. Neue kamen und gingen. Sie waren manchmal sechs oder acht auf dem schmalen Strohsack, und manchmal war Fred allein mit Alex, dem Mann aus Savoyen. Über die Qual des Nichtrauchens war er längst hinaus, so schien es ihm. Er sprach kaum, er dachte auch nicht mehr. Er hockte in einer Ecke der Zelle, fast immer mit geschlossenen Augen. Er bemerkte kaum, was um ihn herum vorging. Wenn die Neuen ihn verwundert betrachteten, gab Alex ihnen geflüsterte Erklärungen.

Er hatte keine Schmerzen mehr.

 

 


 

 

 

Leseprobe

von Michel R. Lang

 

Ich bin ein Schicksalsjude. Aufgewachsen mit dem Bewusstsein und der Gewissheit, einer Volksgemeinschaft anzugehören, die seit 2000 Jahren unter einem ständigen Fluch zu leiden hat: dem Judenhass. Und meine Eltern sorgten dafür, dass ich, von Kindesbeinen an, diese Tatsache als unveränderbar betrachtete. Diese „jüdische Angst“ ist ein wesentlicher Faktor meiner Persönlichkeitsentwicklung geworden. Ich bin mittlerweile zu einem Paradestück jüdischen Daseins geworden. Mein Ich wird von diesem Jüdisch-Sein beherrscht, geleitet, motiviert. Es äußert sich in einer fast neurotischen Überempfindlichkeit gegenüber jedweder Unterdrückung und Intoleranz, einer beinahe masochistischen Lebensphilosophie, einer überpointierten Ich-Bezogenheit und einer gleichgültigen Nonchalance allem gegenüber, was nichtjüdisch, eben gojisch ist.

 

 

 


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